Linker Jud: I – Das Antisemitismusproblem der Zürcher Linkaktivistischen

Ich stecke in einem Konflikt, oder doch nicht? In meiner Brust schlagen zwei Herzen – obwohl es eigentlich nur eines ist. Auch kein Gespaltenes, sondern eines, in welchem verschiedene Identitäten drin Platz haben. Ich bin jüdisch, und ich wähle aus Überzeugung links. Mein Grossvater hat die Shoah überlebt. Mein Familienname ist über ein dutzend Mal auf dem Holocaust-Merkmal in Amsterdam zu lesen. Ich war in der jüdischen Schule, früher jedes Jahr in Israel. Ich habe Freunde dort. Ich gehe in die Synagoge, wenn auch unregelmässig und respektiere die Traditionen. Doch ich hinterfrage sie auch kritisch: Mich beschäftigt es, wenn die eigene Religion als die Auserwählte angesehen wird. Mich stört es, wenn Gebetstexte sexistisch, anderweitig diskriminierend interpretierbar verfasst sind und natürlich verfluche ich es, wenn im Namen der Religion jegliche Grenzen gesprengt und Menschen abgeschlachtet werden.

So gesehen ist der Umgang mit dem, was im Nahen Osten passiert und vor allem dessen Einordnung für mich nicht immer einfach. Zunehmend nervös betrachte ich die politische und gesellschaftliche Entwicklung der letzten Zeit. Ich sehe verstörende Bilder von verbombten Gebäude, schreienden Kindern, Pässe von ermordeten Journalisten. Ich habe auch noch die Bilder vom Nova-Festival am 7. Oktober 2023 im Kopf. Gleichzeitig sehe ich, wie die Zahl der Angriffe auf Jüd:innen in europäischen Grossstädten ansteigt. Ich sehe, wie der Orthodoxe Jude in Wiedikon zunhemend kritisch gemustert wird, angefeindet, und wie mir selbst, wenn ich an Jom Kippur einmal im Jahr offen-kippatragend durch die Stadt gehe, weniger oft zugelächelt wird.

So präsent wie diese Themen in den Medien aktuell sind, beschäftigen sie mich sehr. Oft sehe ich mich zwischen zwei verhärteten Fronten gefangen, im Versuch die komplexe Sachlage zu navigieren. Als «linker Jude» habe aber ich aber vielleicht eben gerade den dringend benötigten Zugang zu diesen Beiden Seiten. Unter dieser Rubrik « Linker Jude» teile ich auch genau deshalb meine Gedanken zum Nahostkonflikt und alldem, wofür dieser mittlerweile steht und assoziiert wird. Kritisch, und trotzdem gewohnt sprunghaft sowie natürlich in meiner ganz eigenen Ansicht limitiert.

Part 1: Das Antisemitismus-Problem der Linkaktivistischen

Ich sehe diese Dinge gleichzeitig. Sie existieren nebeneinander und widersprechen sich nicht, meine Identität als Jude und linker Mensch. Liebend gerne würde ich frei meine volle Solidarität mit dem unterdrückten, palästinensischen Volk an organisierten Kundgebungen kundtun. Zusammen die faschistische, israelische Regierung für ihr Handeln an den Pranger stellen. Das fällt mir jedoch schwer. Denn meiner Meinung nach weist die Zürcher Linksaktivistische, sowie viele linksaktivistische Bewegungen in anderen, westeuropäischen Städten ein strukturelles Antisemitismusproblem auf. Entsprungen als Folge einer allzu binären, zu einfachen, hart-strikten Abgrenzung von Israelkritik und Antisemitismus, welche umgekehrt nicht eingehalten wird und je länger der Konflikt anhält, flüssig verschwimmt.

Die scharfe Trennung zwischen diesen zwei Begriffen, Israelkritik / Antisemtitismus, welche aus den Kreisen des Linksaktivismus so oft gepredigt, ist in den Ansätzen verständlich und einleuchtend. Religion ist nicht gleich Staat. Dieser Staat soll und muss für sein Handeln verantwortlich gemacht werden. Wir privilegierte Weltbürger:innen stehen in der Verantwortung, den Staat Israel für seine Handlungen, Kriegsverbrechen und wahrscheinlich genozidalem Handeln zu kritisieren und für Menschen- sowie Völkerrechte einzustehen.

Eine scharfe Trennung gilt, logisch gesehen, immer in zwei Richtungen. Erstens: wenn p, dann nicht q. Sodann sei jegliche Kritik, vom Verurteilen einer Kriegshandlung bis hin zum Absprechen des Existenzrechtes eines israelischen Volkes auf dem Boden des heutigen Israels, nicht antisemitisch. Demnach eine zugrundeliegende Prämisse: Staaten sind religionslos, Individuen tragen diese. Israel sei im Grunde nicht jüdisch, seine Bevölkerung, die menschlichen Individuen sind es. Aber Zweitens: wenn p nicht q, dann ist q auch nicht p. Andersrum ist ein jüdisches Individuum mit seiner religiösen Identität auch genauso strikt vom Staat Israel zu trennen, wie der Staat Israel vom Judentum.

Während die Zürcher Linksaktivistische bei noch so scharfer Kritik an Israel (hoffentlich) Jüd:innen nicht bewusst antisemitisch diskriminieren will, fällt das Einhalten des selber aufgestellten Grundsatzes der klaren Israelkritik / Antisemitismus – Trennung andersrum schwer. Allzu oft werden Jüdische Menschen direkt als Freunde der israelischen Regierung oder Unterstützende der israelischen Angriffe assoziiert. Jüdinnen und Juden stehen, auch wenn nicht einmal israelisch, aufgrund ihrer Religion, teilweise auch völlig unterbewusst unter Generalverdacht, das faschistische israelische Regime zu unterstützen. Dies stellt eben einen Widerspruch zur selber aufgestellten, klaren Trennung zwischen Religion und Staat dar.

Weshalb kann ein jüdischer Mitmensch immer erst als «stabil» wahrgenommen werden, sobald er/sie seine/ihre Position zum Nahostkonflikt abgegeben hat und dies für human befunden wird? Wir verlangen auch nicht von unseren muslimischen Mitmenschen, dass sie zuerst den Islamismus verurteilen, oder von orthodoxen Christen negative Worte über Putin, bevor wir unsere diskriminierenden Stereotypen ablegen.

Das Judentum und Israel, Individuum und Staat, sind, so sehen wir, in unserem Gedankenmuster tiefer verbunden, als wir es uns selbst zugeben wollen. Die scharfe Trennung weist reziprok Löcher in Form von Kollektivhaftung auf. Das ist nicht mehr Israelkritik, sondern (israelbezogener) Antisemitismus.  

Diese, wenn auch unterschwellige, Form von Antisemitismus, gilt es akut ernst zu nehmen! Antisemitismus äussert sich nicht nur in eugenischen Feindbildern à la Hitler 1933. Durch das Vermischen von Themen und Terminologien durch Tränen und Taten verschwimmen die israelische Regierung, Israel, das Judentum, und schliesslich der Jude je länger, je mehr selbst zu einem undurchsichtigem Feindbild. Dies ist erklär-, aber unentschuldbar. Als Bewegung für Menschenrechte, welche sich stets solidarisch mit Minderheiten zeigen sollte und für eine humanere Welt einsteht, ist ein Aufarbeiten dieses Themas in den eigenen linkaktivistischen Reihe obsolet. Es ist nicht nur das Mindeste, um zu zeigen, dass einem jüdisches Leben in Zürich und die Bedenken & Ängste der Gemeinschaft nicht egal sind, sondern auch, um die eigene Glaubwürdigkeit zu behalten.