„Achtung, Achtung! Das Ziel dieses Essays ist es, eure Aufmerksamkeit zu gewinnen, denn er erinnert euch an etwas, was ihr eigentlich schon wisst“. Das ist kein Widerspruch, sondern bitter nötig, denn hier im Westen seit langem nichts Neues. Wir schreiten tatkräftig und voller Elan mit der Zerstörung unseres Planeten & Klimas voran – obwohl wir ja eigentlich wissen, dass wir so unseren eigenen Untergang beschwören. Wieso denn handeln wir so? Ein Weckruf an alle Vertretende der Gesellschaft: Kurzfristigkeit ist menschlich. Doch wir müssen, um eine Klimakatastrophe abzuwenden, was vor unseren Augen davonschmilzt, verbrühtet, zerfällt, immer wieder sichtbar machen – und dabei in einer zunehmend komperplexen[1] und aversiven Welt uns selbst nicht verlieren. Aufwachen bitte, und unbedingt blenden lassen.
Ja, ihr habt recht, ich schlage hier doch etwas gar hohe Töne an. Wir können die klimatischen Veränderungen als postmoderne Gesellschaft doch ziemlich gut beobachten, viel besser als wir es jemals konnten – sie sind nicht unsichtbar. Der Klimawandel ist der physischen Welt nicht ganz absent, ein eigentlich breiter Konsens vorhanden darüber, dass gehandelt werden muss, ist sehr wohl vorhanden. Während in den 80er Jahren das Thema Klimawandel noch markant auf dem Radar und der Agenda der Politik vertreten war, ist man sich hier heutzutage nicht mehr ganz so darüber im Klaren. So ist der Klimawandel zwar stets noch weit oben auf dem Sorgenbarometer der Schweizer:innen zu sehen, doch scheint das Umweltthema von Jahr zu Jahr weniger Menschen zu beschäftigen[2]. Rational ist dies nicht zu verstehen, denn die Auswirkungen des Klimawandels auf uns Menschen werden mit der Zeit immer grösser. Die Gletscher schmelzen schneller denn je, der Meeresspiegel nimmt weiterhin zu, Naturkatastrophen und Hitzewellen häufen sich. Nichtsdestotrotz vernachlässigen wir dieses globale Problem, es scheint, als hätten wir alle die Parolen, welche wir vor einigen Jahren noch so lautstark und voller Hoffnung skandiert haben, nun über Bord geworfen, in den immer wärmer werdenden Weltmeeren wandelnd. Doch was, wenn nicht der Wandel, welcher unsere zukünftige Existenz auf diesem Planeten in Frage stellt, schafft es dann, uns so zu beschäftigen? Auf dem Sorgenbarrometer sehen wir Krankenkassenkosten und Zuwanderungsfragen ganz oben. Es sind also oft finanzielle Sorgen, teilweise gar Pseudoprobleme, welche uns stark belasten. Was sie gemeinsam haben: Diese Veränderungen und Probleme sind klar observierbar und haben einen direkt wahrnehmbaren Effekt. Während sich also der Klimawandel auf einer sehr langen Zeitskala in relativ langsamem Tempo fortbewegt, betreffen die Sorgen, welche den Homo Sapiens beschäftigen, vor allem naheliegendere Probleme. Dieses Phänomen ist in der Sozialwissenschaft auch als das „Giddens-Paradoxon“ bekannt, benannt nach dem britischen Sozialwissenschaftler Anthony Giddens[3]. Die langfristigen Auswirkungen auf die Natur und vor allem den Menschen sind zwar gleichwohl sichtbar, aber anscheinend nicht wirklich greifbar genug, um in die Handlung zu kommen.
Eine vergleichbare Dynamik findet man auch in der Verhaltensökonomie. Hier tritt dieses Phänomen in Form eines weit verbreiteten kognitiven Biases auf. Die „Hyperbolische Diskontierung“ beschreibt es, wenn Menschen bei Entscheidungsfindungen unmittelbar eintretende Payoffs viel stärker gewichten als Konsequenzen in der weiter entfernten Zukunft [4]. Das Giddens-Paradoxon ist also nicht nur ein soziales Phänomen, sondern lässt sich auch auf eine tatsächliche, psychologische Wahrnehmungsverzerrung zurückführen – mit oft schwerwiegenden Folgen. Der Starökonom und ehemalige Weltbank-Chef Nicholas Stern sieht die Erscheinung, dass wir unsere eigene, kurzfristige Wohlfahrt höher werten als die zukünftiger Generationen und dabei ausblenden, dass die Kosten des Klimawandels jährlich bis zu 20% des globalen BIP betragen könnten, gar als das grösste Marktversagen der Geschichte an[5].
Dass dieses Verhalten schon länger existiert, zeigt uns die Umweltgeschichte. Mit der industriellen Revolution entwickelte sich eine exponentiell steigende Produktionsfähigkeit sowie ein Streben nach kurzfristigem Wohlstand, welche sich im 20. Jahrhundert enorm beschleunigt und die Erde beispiellos tiefgreifend verändert hat[6]. Abgebremst wurden diese Entwicklungen jeweils erst und nur, wenn schwerwiegende Konsequenzen eintrafen, oft Umweltkatastrophen. So fing zum Beispiel der Cuyahoga River in Cleveland im Jahr 1969 Feuer – entzündet durch Jahrzehnte industrieller Verschmutzung. In London starben während des „Great Smog“ über 4000 Menschen[7] – ausgelöst durch ein Anstauen von anthropogenen Abgasen, welche nicht entweichen konnten. Diese beiden Ereignisse führten nachweislich zum US Clean Water Act bzw. dem Clean Air Act in Grossbritannien. Wir stellen also fest: Erst wenn eine Veränderung in der Natur offensichtlich schädliche Auswirkungen auf unser direktes Umfeld hatte, wenn wir die gesundheitlichen Konsequenzen direkt zu spüren bekommen, erst dann sind wir fähig zu handeln und aus der Geschichte zu lernen.
Die Klimawandel-Inertie ist also sowohl auf einer sozialen sowie verhaltensökonomischen Ebene gut belegt und umweltgeschichtlich gewachsen. Es scheint, als gäbe es hierfür eine einfache Lösung: den Klimawandel wieder sichtbar zu machen. Nicht so einfach aber, denn diese ungenügende Sichtbarkeit stammt nicht von irgendwoher. Dass es uns Menschen so schwer fällt in die Handlung zu kommen liegt nicht allein an uns selbst, sondern scheitert vor allem auf einer strukturellen Ebene. Zwar können wir unser eigenes Leben nachhaltig gestalten, unser Umfeld stets auf den Klimawandel und Veränderungen in der Natur hinweisen, jedoch ist der Einfluss von Einzelpersonen gering und limitiert. Längst informieren sich Menschen nicht mehr primär Mund-zu-Ohr über das Weltgeschehen. Obwohl sich die Wissenschaft einig ist, dass der Klimawandel eine fundamentale, existenzielle Notlage für die Menschheit in Globo darstellt, kommt ihm in den Medien nur begrenzt Aufmerksamkeit zu. Von einem „Klimawandel-Newsticker“ fehlt auf allen Kanälen weit und breit jede Spur. Mittlerweile haben soziale Medien die klassischen Informationssourcen abgelöst, vor allem bei jungen Menschen gar so weit verdrängt, dass sie Instagram & co. als Hauptinformationsquelle benutzen. Und längst sind diese Kanäle nicht mehr neutral, sondern durch bewusst gesetzte Muster verzerrt. Diese Muster sind nicht neu, sondern haben sich ebenfalls geschichtlich entwickelt. Jegliche Versuche, ein achtsameres Denken zu fördern, werden durch gezieltes Streuen von Falschinformationen und Misstrauen verdrängt. Schon in der Vergangenheit waren beispielsweise Tabakfirmen durch geschickte Finanzierung fähig, einen wissenschaftlichen Konsensus zu untergraben und den existierenden „Medien-Bias“ zu ihren Vorteilen auszunutzen[8]. Dadurch kommt der Gegenseite, auch wenn diese klar in der Minderheit und faktisch verzerrt ist, gleich viel Raum zu. Durch das Aufkommen von „Think Tanks“ in den 90ern, welche verschiedenste Einflusskanäle bündeln, haben sich diese Effekte mittlerweile vervielfacht. Heutzutage können wir solche Anti-Reflexivitätstrategien vor allem in der amerikanischen-trumpistischen Bewegung entdecken. Konservative Think-Tanks manipulieren gezielt Forschungsergebnisse, um Misstrauen zu streuen[9]. Diese Think Tanks eignen sich immer mehr Medien an und können dadurch den Informationsfluss gezielt kontrollieren – Elon Musk kauft Twitter und auch Christoph Blocher hat neulich sein Schweizer Medienimperium vergrössert. Was und wie viel wir bezüglich Klimawandel zu sehen bekommen, liegt also viel weniger in unseren Eigenen, sondern in den Händen einer fragwürdigen Elite. Doch resignieren sollten wir nicht. Schlussendlich hat das Konstrukt “System“ zwar teilweise einen erdrückenden Einfluss auf uns Individuen, doch gleichzeitig „performen“, üben auch wir durch gelebte Erfahrungen systemformende Handlungen aus – die Abhängigkeiten sind also reziprok. Es lässt sich in der Umweltgeschichte auch ein Überfluss an Beispielen finden, wo wir Menschen uns
erfolgreich gegen schwerwiegende Eingriffe in die Natur gewehrt haben. Ich denke hier zum Beispiel an die Anti-AKW Protestaktionen in den 1970er Jahren, welche den Bau von über einer Handvoll geplanten Kernkraftwerken in der Schweiz verhinderten oder an die Klimawahl 2019, wo die Jugendbewegung „Fridays For Future“ über den gesamten Kontinent tatsächlich für einen Ruck in der Politik sorgte[10]. Wir können etwas bewirken, wenn wir zusammenhalten und daran glauben, auch wenn es immer schwieriger wird und Dinge sich immer schneller drehen. Wir müssen uns nur daran erinnern.
„Ich sehe etwas, was du nicht siehst“, haben wir alle schon im Kindergarten gespielt. Dieses Spiel gilt es, neuerdings in einer „Edition Klimawandel“ wieder aufzugreifen. Unser auf Kurzfristigkeit ausgelegtes Gedankengut ist zwar tief menschlich und durch eine ungenügende Sichtbarkeit sowie Spürbarkeit der Folgen und Konsequenzen unseres Handelns erklärbar. Doch diese Art der Diskontierung ist nicht nur aus einer ethischen Sicht, sondern auch ökonomisch gesehen mindestens grob fahrlässig. Dass wir uns in einer zunehmend komperplexen Welt weiterhin und konstant an die Dringlichkeit des Klimaproblems erinnern, ist dabei zentral, um diese Muster zu durchbrechen.So stellt auch dieser Essay, auf dem komperplexen Weg hin zu einer klimagerechteren Welt, genau so einen imminent wichtigen Reminder dar.
Positionality Statement: Dieser Essay wurde von mir, Noah, einem 21-jährigen Studenten an der ETH Zürich verfasst. Ich bin mir bewusst, dass allein die Möglichkeit, einen solchen Text zu schreiben, stark darauf zurückzuführen ist, hier in Zürich privilegiert aufgewachsen zu sein. Meine ganz persönlichen, gelebten Erfahrungen spielen massgeblich in diesen Essay mit ein
[1] Neologismus: Wenn man vor lauter Komplexität perplex wird, eigene Wortschöpfung
[2] Credit Suisse Sorgenbarrometer 2021 bzw. UBS Sorgenbarrometer 2025 ; (Golder, 2021; Keller-Busse, 2025)
[3] (Giddens, 2011)
[4] (Laibson, 1997)
[5] (Stern, 2006)
[6](McNeill, 2020)
[7](Martinez, 2026)
[8] (Oreskes & Conway, 2010)
[9] (McCright & Dunlap, 2010)
[10] (Swissinfo, 2019)
Referenzen:
Giddens, A. (2011). The Politics of Climate Change. Polity Press.
Golder, L. (2021). Credit Suisse Sorgenbarometer 2021.
Keller-Busse, S. (2025). UBS Sorgenbarometer 2025.
Laibson, D. (1997). Golden Eggs and Hyperbolic Discounting.
Martinez, J. (2026). Great Smog of London. https://www.britannica.com/event/Great-Smog-of-London
McCright, A. M., & Dunlap, R. E. (2010). Anti-reflexivity. Theory, Culture & Society, 27(2–3), 100–133. https://doi.org/10.1177/0263276409356001
McNeill, J. R. (2020). Something New under the Sun: An environmental history of the twentieth-century world. W. W. Norton & Company.
Oreskes, N., & Conway, E. M. (2010). Merchants of doubt: How a handful of scientists obscured the truth on issues from tobacco smoke to global warming. Oreskes, N., & Conway, E. M. (2010). Merchants of doubt: How a handful of scientists obscured the truth on issues from tobacco smoke to global warming. Bloomsbury Press.
Stern, N. (2006). Stern Review: The Economics of Climate Change.
Swissinfo. (2019). «Der kurzfristige Impact wird riesig sein». https://www.swissinfo.ch/ger/politik/schweizer-wahlen-analyse-gruene/45312902?nab=1
(Künstliche Intelligenz (Claude, Anthropic) wurde für die Literaturrecherche und die Erstellung von Feedback verwendet. Keinerlei generative sowie kreativen Aufgaben wurden in dieser Arbeit von KI übernommen.)
